Sehr cool und sehr nachvollziehbar
Geschrieben von Werner am 29. Dezember 2025 16:35:10:
Als Antwort auf: Das ist wie Fahrradfahren geschrieben von waldi am 29. Dezember 2025 11:17:57:
Bäume haben hypnotische Wirkung, sagt man. Modellflugzeuge sind in der Regel auch baumsuchend. Früher hieß es Holz zu Holz, aber seit die Flieger aus Plastik sind, hat sich an den Baumlandungen nichts wesentlich geändert.
Es gibt allerdings auch noch einen physikalischen Grund dafür, der beim Hangfliegen nicht selten greift. Man fliegt am Hand GEGEN den Wind, jedenfalls normalerweise und wenn man nicht gleich wieder unten sein will. Das bedeutet, dass VOR dem Baum Aufwind ist und HINTER dem Baum Abwind und auch ein gewisser Sogeffekt. Ich mußte das erst lernen, dass ich mit meinen Modellen nicht einfach die Wipfel anvisieren kann und drüber weg in den begehrten Aufwind . . . .. nein, kurz vor dem Baum geht das Modell in die Tiefe und rauscht rein. Vom Baum gefallen bin ich noch nicht, aber schon fast, weil ich so oft geklettern bin. Verletzungen gab es auch, aber was stört den hardcore Modellsegelflieger eine oder zwei Schrammen ?!
Auf alle Fälle hast Du das absolut richtig gemacht, denn der Schirm hätte sonst in beiden Bäumen hängen bleiben können und dann hättest Du die Megeschaukel gehabt, wärst aber nicht mehr runter gekommen.
Wir hatten auf der Dahlemer Binz eine kurze einzeilige Baumreihe, die liebevoll die "Zahnbürste" genannt wurde. Im Prinzip kein Problem, aber man mußte Böen mit einkalkulieren. Die Segelflieger betraf das nicht, die Zahnbürste stand vor der Motorflugbahn OST/WEST gerade außerhalb des Flugplatzzaunes im Osten. Inzwischn sind die Bäume gefällt worden, weil eben doch so einiges passiert ist. Man war auch der Ansicht, dass bei Ostwind ein Start sicherer wäre, wenn bei Motorausfall etwas freie Bahn zum Landen außerhalb des Platzes zur Verfügung steht. Angstkurven in zu niedriger Höhe, um den Bäumen auszuweichen, hatten zu Unfällen geführt.
Aaaber, jetzt die Story: unser Vereinsvorstand hatte eine Lebengefährtin, von der er meinte, sie müsse ebenfalls das Segelfliegen erlernen. Sie waren schon beide etwas betagter und die Frau hat sich in Sachen Fliegen - sagen wir mal - nicht unbedingt immer geschickt angestellt.
Mitgeflogen in der Motormaschine war sie schon ganz oft, war also lufterprobt und hatte auch keine Angst.
Sie hatte aber nach vielen Versuchen immer noch nicht die Qualifikation, alleine zu fliegen. Die Fluglehrer waren unsicher mit ihr. Standard für einen Neuling sind etwa 40 Starts, dann darf der Beginner auch mal alleine, aber halt nur eine Runde um den Platz. Bei mir waren es 25 Starts, aber ich war ja auch vorgebildet. Die Schüler mit mir brauchten so 35, einen haben sie schon nach 19 Starts in die Luft gelassen, obwohl der Null Vorbildung hatte. Der Typ hatte es einfach im Blut, hat auf seinem ersten Alleinflug ein wenig Thermik erwischt und war über 20 Minunten in der Luft.
Ok, aber Helga war nach 140 Starts immer noch nicht flügge und der Vereinsvorstand wurde ungeduldig. Und so hat man mit vielen und guten Ermahnunen die gute Frau allein in die Luft gelassen. Es war Ostwind, der Start ging problemlos, die Platzrunde war einwandfrei, die Ausgangshöhe zur Landung paßte und alles sah danach aus, dass es ein Erfolg wird. Doch dann kam es, sie drückte den Flieger an und wich auf einmal auf die Motorlandebahn aus - warum auch immer. Das wäre alles nicht so schlimm gewesen, wenn sie nicht die Bremsklappen vergessen hätte zu ziehen. Und so rauschte sie über den ganzen Platz, während der Fluglehrer am Funk fast geweint hat: "Helga, der blaue Hebel links . . . ziehen!"
Ziehen hatte sie anscheinend verstanden, der Flugplatz war zuende, der Segler ging in den Steiglfug und . . . . . . rauschte voll in die Zahnbürste. Ohne Bremsklappen ist selbst ein altes Schulsegelflugzeug nach 800 Meter Bahn noch zu schnell zum landen.
Ja, und da hing sie nun oben, schaukelte hin und her. Einer kletterte einen der Bäume hoch und gab ihr einen Schraubenzieher, damit sie die teuren Instrumente ausbauen konnte. Das Flugzeug saß so fest, dass beide dann sicher wieder zum Boden kamen. Es wurde telefoniert, ob der Grenzschutz (heute Bundespolizei) vielleicht das Flugzeug nach oben hin rausziehen könnte, dieser mußte das ablehnen, weil das gegen die Vorschriften war. Ein Hubschrauber-Service wurde angesprochen, der Preis überstieg den Wert des Flugzeuges bei weitem.
Dann hat man mit einer flugplatzeigenen Caterpillar-Raupe das Flugzeug aus den Bäumen gezogen => die Leute haben geweint, denn das Ding war hinterher Schrott.
Die Versicherung hat was gezahlt, reichte aber nicht für einen Ersatz. Tja, so gehts. Die Ausbildung zur Segelfliegerin fand jedenfalls mit der Aktion ein sofortiges Ende.
Später wurde dann der Fall noch mal für die Schüler im einzelnen besprochen. Das man die Bremsklappen ziehen muß zum Landen, brauchte niemandem erklärt zu werden, aber wenn man bei einer Außenlandung in Streß kommt und die Landefläche nicht reicht, dann solle man eben schauen, dass man zwischen den Baumstämmen durch geht, sofern man schon so tief ist, dass diese nicht mehr federn.
Ich habe sowas gottseidank nur mit Modellflugzeugen gehabt. Ein Hubi von mir hängt immer noch in einer Weide am Rheinufer. Ich habe den Bergungsversuch irgendwann dran gegeben.
Gruß
Werner